Es ist ein Generationenprojekt. Eine Mammutaufgabe. Ein historisches Wohnviertel in der südöstlichen Innenstadt von Neuwied, das der Gemeindlichen Siedlungs-Gesellschaft (GSG) gehört, soll zeitgemäß, attraktiv und qualitätsvoll weiterentwickelt werden. Die Ziele: Mehr bezahlbare Wohnungen, neue Gebäude, Sanierung des Hausbestandes, hochwertigere Grünflächen und Freizeitmöglichkeiten, Nutzung regenerativer Energien, Lärmschutz und eine bessere Anbindung für Fußgänger und Radfahrer an die Innenstadt. Davon profitieren alle, die hier wohnen. Das Viertel soll sich aber auch für neue Mieter, etwa für junge Familien, öffnen. Gleichzeitig wird es seine charakteristische Ausprägung behalten. Und es bekommt als Arbeitstitel einen eigenen Namen: Werth-Viertel, in Anlehnung an die gegenüberliegende Rheininsel „Weißenthurmer Werth“.

Ein solches Projekt ist nicht von heute auf morgen zu realisieren. Bereits im Jahr 2022 konnte in einem Wettbewerb mit dem Entwurf des Teams „rheinflügel severin, Düsseldorf, mit Club L94 Landschaftsarchitekten, Köln“ eine planerische Lösung für die städtebauliche Neuordnung des Viertels gefunden, anschließend weiterentwickelt und vertieft werden. Mitte 2024 legte die GSG eine sogenannte Rahmenplanung für das Quartier vor. Diese gibt die Ziele des Projektes und die dazu notwendigen Veränderungen vor. Und sie dient zugleich als Vorbereitung für die Änderung des bestehendenBebauungsplans.

Als nächster Schritt wird nun der Vertrag mit einem spezialisierten Architekturbüro fixiert, das diese Planleistungen erbringt. Damit wird in diesem Jahr begonnen. Dann gehen Gutachten in Auftrag, Termine werden konkretisiert, die Beteiligung verschiedener Ämter koordiniert. Erst wenn die angedachten Änderungen und Möglichkeiten imBebauungsplan festgeschrieben sind und eines der Häuser eine Baugenehmigung hat, liegt Baurecht konkret vor. Allein dieser Prozess wird Zeit in Anspruch nehmen – im besten Fall 18 bis 24 Monate, es kann aber auch länger dauern. Erst dann können Planungsleistungen für die einzelnen Häuser und Bauabschnitte erarbeitet und zur Baugenehmigung eingereicht werden. Es wird noch die Ausschreibung der Arbeitenfolgen, bevor Bauarbeiter und Handwerker in der „südöstlichen Innenstadt“ von Neuwied tatsächlich starten können.

Das Viertel befindet sich unterhalb der Rheinbrücke direkt am Rhein. Es ist ein rund 7,45Hektar großes Wohnquartier, gelegen zwischen Rheintalweg und Rheinstraße, Kappel- und Germaniastraße. Hier finden sich heute circa 350 Wohnungen in mehr als 60 Gebäuden, die der GSG gehören. Seine zentrale Lage unmittelbar am Rhein sowie großzügige Grünflächen mit altem Baumbestand zeichnen das Quartier aus. Allerdings ist der Gebäudebestand in die Jahre gekommen. Er bedarf dringend einer Weiterentwicklung. Zudem ist das Potenzial, das die Frei- und Grünbereiche bieten, derzeit weitgehend ungenutzt. Das will die Gemeindliche Siedlungs-Gesellschaft nun Schritt für Schritt anpacken.

Und das ist geplant: Die Häuser im Quartier werden größtenteils saniert und erweitert. Dies geschieht durch den Ausbau von Dächern und den Anbau von Loggien. Regenerative Energiegewinnung durch Photovoltaik und Solarthermie wird ebenso ins Auge gefasst wie die bessere Nutzung von Niederschlagswasser. Um das Viertel langfristig umzustrukturieren, stehen auch Neubauten auf dem Plan. Zur Umsetzung des Gesamtkonzeptes werden voraussichtlich Gebäude zurückgebaut werden müssen. Dies werden Häuser sein, deren Bausubstanz nicht so gut ist. „Bei allen geplanten Schritten respektieren wir selbstverständlich den bisherigen Charakter und die prägenden Eigenschaften des Viertels“, erklärt GSG-Geschäftsführer David Meurer. „So behalten wir beispielsweise die Art der Quartierseingänge bei.“ Dank der Neu- und Umbauten sollen je nach Wohnungsgröße statt der bisherigen 350 am Ende bis zu 450 Wohnungen zur Verfügung stehen.

Wichtigstes Signal an die Mieter: Von Umbaumaßnahmen Betroffenen werden passende Wohnungen angeboten. Mit jedem Mieter soll vorab ein Einzelgespräch geführt werden. Was das angeht, hat die GSG bei der Sanierung von Wohnblöcken in der Langendorfer Straße bereits gute Erfahrungen gesammelt. Eine erste Informationsveranstaltung nutzte die GSG nicht nur, um Unsicherheiten zu nehmen – gleichzeitig stand das Angebot an die Mieter im Fokus, sich mit eigenen Ideen in die Planungen einzubringen.

Neben Häusern und Wohnungen will die GSG mehr Grün und Freizeitmöglichkeiten im Werth-Viertel ermöglichen. Vorgesehen ist eine „grüne Quartiersmitte“, verbunden mit einem durchgängigen, internen Fuß- und Radwegekonzept. Wichtiger Teil davon ist eine sogenannte „Spielfuge“, ein neues, bandartiges Spielangebot am nordwestlichen Rand des Viertels. Sie gehört zum internen Wegenetz, ist die Verbindung zu bestehenden Spielmöglichkeiten unter der Hochstraße und soll das Werth-Viertel von hier aus besser mit der Innenstadt vernetzen.

Darüber hinaus haben die Planer weitere Ideen skizziert, um das Quartier für seine Bewohner attraktiver zu gestalten. Die Innenhöfe könnten als Privat- und Gemeinschaftsgärten entwickelt werden, zusätzlich zu den heute schon bestehenden Nutzgärten. Zusätzliche Bäume sorgen für mehr Schatten und dienen als Wasserspeicher – wichtig für den Klimaschutz und die Klimaanpassung. Das gilt auch für die Entsiegelung und Begrünung von bisherigen Verkehrsflächen – „autoarme Mobilität“ heißt das Stichwort. Aber keine Sorge: Es werden im Viertel selbst und in einer genügend Parkplätze zur Verfügung stehen.

Ziel der GSG ist „ein lebendiges, vernetztes und sozial ausgewogenes Wohnquartier für Neuwied in attraktiver Lage direkt am Rhein“, beschreibt Geschäftsführer David Meurer das Vorhaben. Mehr Aufenthalts- und Lebensqualität, barrierearme und schwellenfreie Zugänge, Wohngesundheit, ein besserer Wohnungsmix, das Miteinander von Jung und Alt, vielfältige und harmonische Nachbarschaften und nicht zuletzt eine hohe Identifikation mit dem Viertel versprechen sich die Initiatoren ebenso von dem Konzept wie zukunftsfähige Energieeffizienz-Standards.

Das Werth-Viertel wird die „größte Gesamtmaßnahme im GSG-Bestand der Unternehmensgeschichte“, erläutert GSG-Aufsichtsratsvorsitzender Ralf Seemann die Bedeutung des Zukunftsprojekts. Geschätzt 15 bis 20 Jahre werden die Baumaßnahmen dauern. Dazu wird das Vorhaben in fünf wirtschaftlich und organisatorisch überschaubare Phasen gegliedert. Abhängig ist die Gesamtlaufzeit vor allem von möglichen staatlichen Förderkulissen, denn ein solches Mammutprogramm kann die GSG nicht allein aus eigenen Mitteln finanzieren.

So könnte es Zukunft aussehen: Die Animation zeigt das Werth-Viertel von Osten aus gesehen. Animation: rheinflügel severin/Club L94 Landschaftsarchitekten/GSG Neuwied