100 Jahre GSG – Kommunale Wohnungspolitik ist Zukunft
Es war der 26. Januar 1926, als die Entscheidung fiel, in Neuwied eine städtische Baugesellschaft zu gründen. Dieses Votum der Stadtverordneten ist so etwas wie die Geburtsstunde der GSG. In die Tat umgesetzt wurde der Beschluss erst rund zwei Monate später, am 17. März 1926. Und wiederum zwei Monate dauerte es, bis sich die Gesellschafter erstmals trafen. In diesem Jahr feiert die Gemeindliche Siedlungsgesellschaft (GSG) Neuwied also ihr 100-jähriges Bestehen.
In den Jahren vor der GSG-Gründung litten die Menschen in der Stadt Neuwied unter den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs: Die Versorgungslage mit Lebensmitteln und Energie war schlecht, Rationierungen bestimmten den Alltag. Verschärft wurde die Situation noch durch eine Inflation, hohe Arbeitslosigkeit sowie Reparationsforderungen der französischen Besatzungsbehörden.
Bei kontinuierlich steigenden Bevölkerungszahlen wuchs die Wohnungsnot in der Stadt. Gleichzeitig fehlten finanzielle Mittel, wodurch die private Bautätigkeit weitgehend zum Erliegen kam. Schier ausweglos wurde die Lage dann nach drei gewaltigen Hochwasserkatastrophen in den Jahren 1920, 1924 und 1925/26. Weite Teile der Einwohnerschaft waren betroffen, drei Viertel der Stadt überflutet, vor allem jene Quartiere, in denen ärmere Menschen lebten. Ungezählte Häuser und Wohnungen blieben unbewohnbar zurück. Nicht wenige Neuwieder mussten für Jahre und Jahrzehnte in Provisorien, meist Wohnbaracken, untergebracht werden.
Es war also dringend notwendig, neue Wohnungen zu errichten. Bereits vor Gründung der GSG hatte es in Neuwied gemeinnützige Einrichtungen gegeben, die sich im Kampf gegen die Wohnungsnot engagierten. Der gemeinnützige Bauverein eGmbH war schon vor dem Ersten Weltkrieg aktiv, später kam noch die Gemeinnützige Bau- und Spargenossenschaft eGmbH hinzu. Beide stießen jedoch an ihre Grenzen; ihre Immobilien wurden schließlich von der noch jungen GSG übernommen. Die Stadt wiederum stellte kostengünstiges Bauland und kleinere Kredite zur Verfügung; Zuschüsse vergab auch die Reichsregierung.
Welchen bemerkenswerten Beitrag die noch junge GSG bei der Versorgung der Menschen mit Wohnraum leisten konnte, verdeutlichen ein paar Zahlen: Schon in ihrem ersten Jahr erstellte sie nahezu 100 neue Wohnungen. Nach fünf Jahren hatte sich diese Zahl fast verdreifacht. Rechnet man den Bestand der beiden Vorgänger-Gesellschaften hinzu, so zählte die GSG zu Beginn der 1930er-Jahre des vorigen Jahrhunderts rund 800 Wohnungen.
Noch heute erinnern an die Anfangszeit der Gesellschaft stadtbildprägende Siedlungen und Gebäude wie etwa das Sonnenland, wo der gemeinnützige Bauverein den Grundstein gelegt hatte. Idee und Entwurf nahmen offenbar das progressive Vorbild einer Gartenstadt der Jahrhundertwende auf. Auch die Gebäude am Von-Runkel-Platz in Heddesdorf mit den beiden imposanten Eckhäusern zur Dierdorfer Straße hin entstanden in den ersten Jahren der GSG.
Nur knapp zwei Jahrzehnte später gab es, als Folge des verheerenden Zweiten Weltkriegs eine Wohnungsnot viel größeren Ausmaßes zu bewältigen. Es fehlten Finanzmittel, außerdem waren Baumaterialien Mangelware. Trotzdem gelang es der GSG bereits in den ersten Nachkriegsmonaten und -jahren, rund 40 zerstörte Wohnungen wiederaufzubauen. Mit der Währungsreform 1948 nahm die Bautätigkeit in Neuwied dann deutlich zu – nicht zuletzt dank der GSG.
So entstanden früh schon Wohnungen am heutigen Schlosspark. Neue Mietshäuser wie zum Beispiel in der Langendorfer Straße, der Prinz-Maximilian-zu-Wied-Straße, der Prinz-Viktor-Straße oder der Rudolf-Troost-Straße folgten. Die Baustellen der GSG standen vor allem in den 1950er-Jahren für den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder in Neuwied. Sie markierten zugleich die positive Entwicklung des sozialen Wohnungsbaus in der Stadt. Projekte wie die Wohnblöcke am Sandkauler Weg und vor allem der Raiffeisenring bestimmten die Bautätigkeit der GSG in den 1960er-Jahren und demonstrierten in Teilen für die damalige Zeit richtungsweisende Architektur und modernen Städtebau.
Neben weiteren Projekten etwa am Ringofen in Heimbach-Weis oder in der Konrad-Adenauer-Straße standen bis in die 1990er-Jahre immense Investitionen wiederum in Heddesdorf, dieses Mal am Raiffeisen-Hof, auf dem Plan. Mit der Jahrtausendwende erkannte man schließlich die Notwendigkeit, Wohnungen und Gebäude des in die Jahre gekommenen Bestandes Schritt für Schritt zu sanieren. Gleichzeitig hat die GSG weitere Tätigkeitsfelder erschlossen, baute mehrere Kindergärten und ist fachkundige Partnerin bei der Realisierung von Gewerbeprojekten. Ihre vielfältige Expertise bringt sie darüber hinaus in Strategien zur Stadtentwicklung oder wie jüngst beim Wohnraumversorgungskonzept für Neuwied ein.
Anfang des Jahres 2020 hat David Meurer als Geschäftsführer die Leitung der GSG übernommen. Als Ziele verfolgt er konsequent, den Bestand an Wohnungen in Neuwied zu erhalten, zu modernisieren, im Sinne des Klimaschutzes energetisch zu sanieren und auszubauen. Wichtig sind ihm zudem attraktive Wohnumfelder und deutliche Verbesserungen in den Quartieren.
Heute gehören der GSG 531 Häuser und 3343 Wohnungen – das sind etwa 10 Prozent aller Wohnungen in der Stadt Neuwied. Ferner zählen 15 Kindergärten und 688 Garagen- beziehungsweise Tiefgaragenplätze zu ihrem Portfolio. Die durchschnittliche monatliche Kaltmiete beträgt etwa 6,00 Euro je Quadratmeter – gegenüber 8,67 Euro in Rheinland-Pfalz (2025) und 9 Euro je Quadratmeter bundesweit (2025).
Das kommunale Unternehmen, das sich nun gezielt auf die Tätigkeit in der Stadt Neuwied konzentriert, steht wirtschaftlich gut da. Im Jahr 2024 wurden rund 7,8 Millionen Euro in die Modernisierung und Instandhaltung investiert. Umgerechnet ist das ein Aufwand in Höhe von 24,42 Euro je Quadratmeter im Wohnungsbestand – ein Plus von mehr als 4 Euro gegenüber dem Vorjahr. Die kontinuierliche Werterhaltung und -steigerung des Immobilienbestands ist nach den Worten von Geschäftsführer David Meurer ein wichtiger Teil der Strategie zur langfristigen Sicherung der Wirtschaftlichkeit und Stabilität des Unternehmens.
Investiert wird von der GSG je nach wirtschaftlicher Tragfähigkeit auch in die Integration erneuerbarer Energien in die Wärmeversorgung und die Reduzierung der CO₂-Intensität pro Wohneinheit. Mehr noch: Eine älter werdende Bevölkerung verlangt ein wachsendes Angebot an barrierefreiem und altersgerechtem Wohnraum – auch diesbezüglich sieht sich die GSG in der sozialen Verpflichtung, solche Angebote auszubauen.
Einen weiteren Fokus legt die GSG auf die Entwicklung innovativer Wohn- und Quartierskonzepte. Innovation bedeutet laut David Meurer, über den klassischen Wohnungsbau der vergangenen 100 Jahre hinauszudenken und frühzeitig Wege einzuschlagen, die Wohnen in Zukunft lebenswerter und Wohnquartiere in ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht resilienter machen. Hierbei versteht sich das Unternehmen nicht nur als Vermieterin, sondern auch als Gestalterin und Partnerin für nachhaltige Stadtentwicklung. Im Modellprojekt „Werthviertel“ soll erprobt werden, wie ein solches Quartier der Zukunft mit mehr und modernisierten Wohnungen, verbesserter Aufenthaltsqualität und energetischer Infrastruktur entwickelt werden kann.
100 Jahre GSG Neuwied.
Unser Archiv erlaubt Einblicke in die Geschichte der Gemeindlichen Siedlungs-Gesellschaft:
Bild links, 1. Reihe: Einige der Häuser im Sonnenland wurden schon vor Gründung der GSG errichtet. Mit dem weiteren Ausbau der Vorzeige-Siedlung entstand hier begehrter Wohnraum.
Bild mittig, 1. Reihe: Hinter den Mondland-Gebäuden entstanden nach den Hochwässern in den 1920er-Jahren Notunterkünfte, die bald als „Schweizer Häuser“ bekannt wurden.
Bild rechts, 1. Reihe: Stadtbildprägend war und ist auch das Quartier an der Dierdorfer Straße, das in den frühen GSG-Jahren entstand. Das Foto wurde später, im Jahr 1956, aufgenommen.












